Safe Space oder Willkür? – Wie man Facebook-Gruppen (nicht) moderiert

Als erstes ein Geständnis: Ich bin aus einer Facebook-Gruppe geflogen. Zwei mal. Aus der selben Gruppe. Und beides mal war ich nicht unschuldig daran 🙈

Es geht um die Gruppe POLYoung – Polyamorie – Liebe der Neuzeit –

Das Geschehen selbst soll aber nur der Aufhänger für das eigentliche Thema sein: Wie man eine Gruppe moderiert. Aber der Reihe nach…

Der erste Rauswurf

Kurz nach meinem ersten Eintritt in die Gruppe stellte sich ein neues Mitglied in der Gruppe vor. Er gab ganz offen zu erkennen, dass er Soldat ist. Ich bin kein Freund von Militär. Ich schrieb also darunter “Ich hab noch nie verstanden, warum man Soldat wird” und im Anschluss ein Zitat:

Soldaten sind Mörder.

Kurt Tucholski

Ich habe es nicht deutlich als Zitat gekennzeichnet und auch über die grundsätzliche Meinung, die ich hier vertrat, ließe sich streiten. Über die Art der Äußerung derselben allerdings nicht. Meine Äußerung war beleidigend und nicht zielführend.

Nachdem ein Admin darunter geschrieben hatte, dass das gar nicht geht und mir mit dem Ausschluss drohte, ruderte ich zurück. Nach einigen Stunden (in denen ich nicht aktiv in der Gruppe war) bemerkte ich aber, dass ich nun doch ausgeschlossen wurde. Darüber, dass ich nicht gesagt bekommen habe, ausgeschlossen worden zu sein, war ich wirklich enttäuscht. Das kam erst auf Nachfrage raus.

Ich war mir relativ schnell im klaren darüber, was in der Diskussion schief gelaufen war: Ich kann durchaus gegen Militär oder Soldat*innen an sich sein und muss trotzdem nicht einen Einzelnen so angehen. Ich entschuldigte mich bei den Admins und kam so wieder in die Gruppe. In meinem Vorstellungspost (den ich vorher noch nicht verfasst hatte) entschuldigte ich mich auch bei dem neuen Mitglied.

Zwischenspiel

Ich beteiligte mich in der Zeit danach recht rege am Gruppenleben. Tatsächlich war die Gruppe ein gutes Umfeld, wenn man gerne in einem safe space über Polyamorie diskutieren oder sich Rat holen möchte.

Unter anderem gibt es einen Selfie-Thread. Dort kann man – wenn man das möchte – Selfies von sich posten, was die Gruppe weniger anonym macht. Dort lernte ich A. kennen, wir verabredeten uns und fingen eine Affäre an. Ich erzähle hier nur so viel davon, wie es für das weitere Geschehen zum Verständnis nötig.

Im Laufe der nächsten Monate stellte sich bei mir aber heraus, dass ich keine Partnerschaft mit ihr möchte. Ich war auch gar nicht bereit dafür. A. sagte mir, dass sie “auf eine komische, wahrscheinlich masochistische Art” gerne wissen möchte, warum “das” mit mir nicht geht.

Ich setzte mich also einen halben Tag hin und schrieb es ihr auf. Ich gab mir Mühe, einfühlsam zu sein und wirklich in mich zu gehen (du kannst den Text hier lesen, aber er ist zum Verständnis nicht nötig)

Ich schickte ihn also ab. Und bereute es fast sofort.

In ihrer Antwort kamen Formulierungen vor wie die, ich sei “dreist und selbstgerecht”, ich “ziehe den Schwanz ein” oder unterstelle “fucking Erwartungen”. Sie endete mit: “deine Rücksichtslosigkeit, deine Vermessenheit und die Arroganz, die du hier teilweise an den Tag legst”.

Mir war es danach auch genug. Ich wollte keinen Kontakt mehr und das schrieb ich ihr auch. Sie wollte auch keinen Kontakt mehr zu mir.

Übrigens: Ich hab neulich die Folge Nicht kritikfähig? vom Podcast Psychologie to go! gehört und kann sie sehr empfehlen! Die Autorin beschreibt dort, welche Punkte erfüllt sein sollten, damit eine Kritik konstruktiv ist.

Wichtig ist: die Kritik besteht nicht nur aus der Beziehungsebene oder der Selbstoffenbarungsebene. Oder zumindest überwiegen diese nicht die Inhaltsebene bei weitem – so wie hier. Wenn du also eine Kritik abbekommst, die dich beleidigt: nimm es dir nicht zu Herzen. Es sagt mehr über die andere Person aus, als über dich 💕

Konflikt in der Gruppe

Im darauf folgenden halben Jahr schlief meine Partizipation in der Gruppe etwas ein. Ich kommentierte hier und da ein wenig, aber postete selbst nichts mehr. Bis ich mich Mitte Dezember an den Selfie-Thread erinnerte und ein Bild von mir postete. Von da an bekam ich auch Benachrichtigungen, wenn andere dort etwas posteten.

Ich muss dazu sagen, dass ich mir angewöhnt habe, alle Bilder im Selfie-Thread einen Like zu geben. Für mich ist es eine Überwindung, mich selbst zu fotografieren und das Bild ins Internet zu stellen. Ich gehe davon aus, dass es nicht nur mir so geht und um es anderen leichter zu machen, like ich quasi jedes Bild.

So auch das von A., als sie ein Selfie postete. Ob das nun klug war, sei dahingestellt.

Einige Tage später schrieb sie mich an. Wir hatten uns nicht gegenseitig geblockt, wohl weil es niemand für nötig hielt. Die Nachricht lautete: “Ich möchte von dir keine Likes unter meinen Posts oder ähnlichem. Einfach lassen, danke!”

Ich wurde wütend. Im Nachhinein verstehe ich auch, warum: ich hatte die Beleidigung ein halbes Jahr vorher nie ganz vergessen oder verarbeitet und empfand diese Aufforderung deshalb als deren natürliche Fortsetzung, als passiv-agressiv. Ob sie tatsächlich so gemeint war, kann man nicht feststellen, allerdings sagten mir auch andere, denen ich diese Nachricht zeigte, dass sie durchaus einen agressiven Unterton hat.

Ich hätte nicht wütend werden müssen. Aber ich wurde es trotzdem. Ich empfand es als ungeheuerlich, dass die Verantwortung dafür, was ich liken darf und was nicht, bei mir liegen sollte. Also meldete ich es einem Admin – die Regel, gegen die sie (wie ich glaubte) verstoßen hat, war “keine Mitglieder anschreiben, ohne vorher in der Gruppe gefragt zu haben”. Die Regel selbst ist total sinnvoll, denn sie verhindert, dass Frauen (oder als solche gelesene Menschen) täglich dutzende Nachrichten von Random Dudes erhalten.

In diesem Moment war ich also wütend und schoss über das Ziel hinaus. Ich schrieb einem Admin, dass ich nicht von A. angeschrieben werden möchte und sie die Verantwortung, von wem sie Likes bekommt, nicht auf mich abwälzen kann. Er hätte nun moderierend eingreifen können und mir erklären können, dass es kein Regelverstoß ist und dass es das einfachste wäre, wir würden uns gegenseitig blockieren.

Stattdessen kam eine Antwort, die mich aus den Socken gehauen hat, weil sie unverschämt und parteiisch war. Der Admin schrieb, dass es sie “aus guten Gründen stören” würde, wenn ich ihr Likes gebe. Und weiter: “ich finde es nicht okay, dass du A. als Buhmensch darstellst”.

Aus dieser Antwort geht für mich klar hervor, dass er nicht an einer Konfliktlösung interessiert war. Er war auch nicht neutral und hat mein Anliegen überhaupt nicht verstanden. Meine wütende Stimmung, in der ich bei meiner ersten Nachricht war, war natürlich völlig unnötig gewesen. Nichtsdestotrotz bleibe ich bei meiner Ansicht, dass es nicht meine Aufgabe ist, darauf zu achten, wem ich Likes zukommen lasse und wem nicht. A. kann mich jederzeit blockieren.

Ich entschied mich dazu, es auf sich beruhen zu lassen und A. zu blockieren. Für mich war die Sache dadurch abgeschlossen.

Der zweite Rauswurf

Umso mehr wunderte ich mich, als ich einige Stunden später im Zug saß und die Gruppe über Facebook nicht mehr fand. Mir schwante schon, was passiert war und so schrieb ich besagtem Admin noch einmal und fragte, ob ich aus der Gruppe ausgeschlossen wurde. Die Antwort kam prompt: “Ja und da sind sich die Admins einig, deshalb wird auch nicht darüber diskutiert” zusammen mit diesem Screenshot aus dem Transparenzthread der Gruppe:

Außerdem schickte er mir einen Screenshot aus dem Admin-Gruppenchat, in der einer der anderen Admins keine klare Position hat. Auf dem Screenshot erkennt man auch, dass mich A. ihm gegenüber als “Lauch” bezeichnet.

Das zweite Mal an diesem Tag war ich baff. Nicht nur, dass man mir den Ausschluss erst auf Nachfrage mitgeteilt hat. Es gab scheinbar schon vorher Vorwürfe von weiblich gelesenen Personen aus der Gruppe gegen mich, von denen ich nie erfahren habe. Diese wurden jetzt als Gründe angeführt, mich aus der Gruppe auszuschließen, ohne dass ich mich dazu je hätte äußern können.

Da ich in den letzten Monaten fast inaktiv war, kann ich mir auch nicht ausmalen, was diese Vorwürfe sein sollten. Einmal hatte ich einer Person aus der Gruppe aus Versehen eine Freundschaftsanfrage gesendet – in der mobilen Facebook-App erscheinen Freundschaftsvorschläge in der Timeline und ich bin wohl aus Versehen auf einen Button gekommen. Das konnte aber durch eine einfach Nachfrage ausgeräumt werden.

Die Formulierung “den eigenen Opfern etwas auszuwischen” und “sich selbst durch Victim-Blaming reinzuwaschen” bestätigt mich in meiner Auffassung, dass jener Admin nicht neutral war. Ja, sie zu melden war nicht gerechtfertigt. Aber warum ging man so weit, mich deswegen aus der Gruppe zu werfen?

Bei mir hinterlassen solche Anschuldigungen ein Gefühl des Ausgeliefert seins. Es gibt keine Anhörung, man kann sich nicht zu den Vorwürfen äußern. Manchmal weiß man noch nicht mal, was man getan hat. Im Prinzip weiß ich auch nicht, was A. den Admins vorher von unserem Konflikt erzählt hat. Die unterschiedliche Deutung der Ereignisse, wie sie normalerweise bei Konflikten besteht, existiert nicht mehr. Sie wird abgelöst von der alleinigen Deutungshoheit der anderen Person.

Keine Stimme zu haben fühlt sich scheiße an.

Was lief schief?

Erstmal war ich natürlich nicht unschuldig am zweiten Rauswurf. Hätte ich besonnener reagiert, z.B. indem ich A. einfach blockiert hätte, wäre die Situation nicht so eskaliert. Hier habe ich völlig überreagiert.

Die andere Seite hat sich aber auch nicht mit Ruhm bekleckert. Wieso ist es A. wichtig, dass sie ihre Beiträge nicht von mir geliked werden? Warum mich nicht einfach blocken? Meine Vermutung: A. wollte die machtvolle Position behalten. Mich einfach zu blocken hätte sie dagegen in eine machtlose Position gebracht – sie reagiert ja auf mein Like.

Wie sie es gemacht hat, kann sie ihre Machtposition behalten: sie erzählt mir, was ich tun soll. Ich bin auf dieses Kräftemessen eingestiegen und habe meinerseits die “Macht” gebraucht, sie bei den Admins zu melden. Das war dumm von mir. Auf dieses Niveau sollte ich mich nicht herunterlassen.

Über Macht und warum manche Menschen es so nötig haben, diese Macht über andere zu spüren, werde ich bei Gelegenheit auch noch einmal schreiben. Ich nehme mich selbst nicht davon aus.

Die Eskalation verhindern können hätte in letzter Konsequenz das Admin-Team. Dafür sind sie da. Leider war der Admin, mit dem ich geschrieben habe, nicht so neutral, wie er hätte sein sollen. Natürlich kann er den Hintergrund der Auseinandersetzung zwischen A. und mir nicht wissen, aber er hat auch nicht gefragt. Und er hat definitiv mehr mit ihr sympathisiert, als mit mir. Schlagwörter wie “Victim Blaming” sprechen hier eine eindeutige Sprache, wer seines Erachtens das “Opfer” ist.

Falls man als Admin in einer bestimmten Situation nicht neutral sein kann oder will: es hätte gereicht zu sagen “dafür sind wir nicht zuständig, bitte klärt das unter euch”. Niemand kann immer neutral sein, aber jede*r kann immer professionell agieren.

Selbst wenn du mit meiner Position in den letzten Absätzen nicht übereinstimmst, gibt es eine Sache, die klar ist: Ich habe vom Ausschluss erst durch Nachfrage erfahren. Das geht garnicht. Und zwar nie.

Der Anspruch auf einen öffentlichen Prozess findet sich in der Europäischen Menschenrechtskonvention und inkludiert die Pflicht, den/die Angeklagte*n über das Urteil zu informieren. Geheimprozesse gibt es nur in Unrechtsstaaten.

Wie kann eine gute Moderation gelingen?

Das heißt nicht, dass eine Gruppenmoderation einem rechtstaatlichen Prozess folgen muss. Das wäre einfach nicht praktikabel. Immerhin ist die Moderation meist ein Ehrenamt. Dass sich die Moderator*innen der POLYoung-Gruppe vor einiger Zeit ein ganzes Wochenende zusammengesetzt haben, um über Konsequenzen aus einer (etwas aus dem Ruder gelaufenen) Debatte unter einem Post diskutiert haben, verdient Respekt – das ist mehr, als man von ehrenamtlichen Moderator*innen erwarten kann.

Moderation hält eine Gruppe zusammen. Gäbe es sie nicht, würden bald Trolle die Gruppe übernehmen und niemand würde sich mehr sicher fühlen. Zum Beispiel müssen Beleidigungen und Drohungen in der Gruppe geahndet werden. Facebook hat deswegen vor einiger Zeit die Gruppenregeln eingeführt und User*innen können Kommentare bei Verletzung an Admins melden.

Rechtsstaatlichkeit

Fest steht aber auch: Ein demokratisches Rechtssystem und dessen Grundregeln sind nicht aus dem Nichts entstanden. Sie sind das das Resultat aus vielen Jahrtausenden Erfahrung und immer wichtigeren Vorstellungen von unversellen Menschenrechten. Deshalb sind diese Grundregeln eine gute Richtlinie daür, wie man auch im Privaten (oder in Facebook-Gruppen) fair urteilen kann.

Ein Beispiel dafür habe ich im letzten Absatz schon angebracht: Die Urteilsfindung sowie das Urteil selbst müssen transparent sein. Für mich ging aus den Screenshot, die das Admin mir schickte, nicht hervor, was ich mir eigentlich habe zu Schulden kommen lassen. Sicher war meine Reaktion nicht immer angebracht, aber die Erklärung für “übergriffiges und manipulatives Verhalten” blieb er mir schuldig.

Die Dating-Platform okCupid geht noch einen Schritt weiter:

[…] our policy is to not tell people why they were banned.

help.okcupid.com

Mein Account wurde auch letztes Jahr gebannt (nachdem ich mich mehrere Monate nicht eingeloggt habe) und ich habe herausgefunden, dass es nicht nur mir so erging. Ich schrieb eine Email an den Support, in dem ich erklärte, dass ich nichts falsches getan habe. Als Antwort kam nur: “we decided to keep the ban”.

Stell’ dir folgende Situation mal vor: Ein Prozess. Du sitzt auf der Anklagebank. Du weißt aber weder die Anklage, noch wer dich dieser Anklage bezichtigt. Du darfst dich auch nicht zur Anklage äußern. Du wirst verurteilt und es gibt keine Rechtsmittel. Hört sich nach Unrechtsstaat an, oder?

Auch wenn private Unternehmen nur bedingt mit öffentlichen Prozessen vergleichbar sind, so gibt es doch Bestrebungen, Platformen ab einer bestimmten Größe zu zwingen, rechtsstaatliche Standards einzuhalten. Nicht nur das Netzwerkdurchsungsgesetz verpflichtet seit 2015 Facebook, Twitter und Co. z.B. zur Einrichtung von Beschwerdestellen oder zur Anhörung von Nutzer*innen:

„Wenn die Bewertung vom Kontext abhängt, soll der Nutzer Gelegenheit zur Stellungnahme erhalten. Das ist ein weiter Anwendungsbereich, denn die juristische Beurteilung strafbarer Inhalte hängt meist vom Kontext ab.“

Artikel Maas wird durchgesetzt in der F.A.Z.

Gegen Bestrebungen von Konzernen, das Recht in die eigene Hand zu nehmen, gibt es mittlerweile auch Urteile, wie in diesem Fall:

[Die Platform] darf sich das Recht vorbehalten, bei Verstoß gegen die Kommunikationsstandards Beiträge zu entfernen und das betreffende Nutzerkonto zu sperren. Für einen interessengerechten Ausgleich der kollidierenden Grundrechte und damit die Wahrung der Angemessenheit im Sinne von § 307 Abs. 1 Satz 1 BGB ist jedoch erforderlich, dass sich die Beklagte in ihren Geschäftsbedingungen verpflichtet, den betreffenden Nutzer über die Entfernung eines Beitrags zumindest nachträglich und über eine beabsichtigte Sperrung seines Nutzerkontos vorab zu informieren, ihm den Grund dafür mitzuteilen und eine Möglichkeit zur Gegenäußerung einzuräumen, an die sich eine Neubescheidung anschließt.

Urteil des BGH

Das was okCupid macht, ist also nicht mit deutschen Gesetzen vereinbar. Der Anspruch auf rechtliches Gehör steht übrigens auch im Grundgesetz. Das Internet ist kein rechtsfreier Raum.

Transparenz

Einen guten Ansatz gibt es in dieser (und einigen anderen) Facebook-Gruppen dazu aber doch: einen Transparenzthread – siehe den Screenshot oben.

Im Transparenzthread werden Entscheidungen der Admins bzw. Moderator*innen aufgelistet, z.B. wenn jemand aus der Gruppe entfernt worden ist. Dabei werden die Gründe nur angeschnitten und der Name der betreffenden Person gar nicht genannt, wohl um Anonymität zu gewährleisten. Letzteres verstehe ich nicht so ganz, denn wie oben beschrieben sind Verhandlung und Urteil ja auch grundsätzlich öffentlich.

Ein Transparenzthread ist ein Versuch, die Mitglieder an Entscheidungen des Mod-Teams teilhaben zu lassen und diese weniger willkürlich wirken zu lassen. Allerdings gelingt dies ja auch nur zum Teil – im Nachhinein davon zu lesen, dass irgendjemand aus der Gruppe geflogen ist, kann kaum Teilhabe bedeuten.

Um eine wirkliche Teilhabe der Grupenmitglieder an Entscheidungen zu gewährleisten, müssten Moderator*innen gewählt werden. Dies wäre natürlich zusätzlicher Aufwand.

Was können Moderator*innen leisten

Auf der anderen Seite ist der Job – wie oben erwähnt – so gut wie immer ein Ehrenamt und damit ohne Bezahlung. In einer Demokratie ist Richter*in dagegen ein Beruf und wird bezahlt.

Ich kenne es aus eigener Erfahrung, dass ein solches Ehrenamt schnell sehr viel Zeit fressen kann. Lange war ich im Konflikt-Team bei Foodsharing Hamburg und habe dort regelmäßig mehrere Tage mit der Beilegung eines einzigen Konfliktes verbracht. Neben einem Job, um die Lebenshaltungskosten zu sichern, ist das auf Dauer kaum zu leisten. Das gilt auch für Admins bei Facebook.

Viele Gruppen haben eine Größe erreicht, bei der sie realistischerweise nicht mehr ehrenamtlich geführt werden können. Eine Möglichkeit, den Job zu finanzieren gibt es aber auf der anderen Seite auch nicht. So stößt das Wachstum an eine natürliche Grenze: Es gibt nur wenige Admins, deswegen ist es viel Arbeit. Es ist viel Arbeit, deswegen finden sich nur schwer neue Admins.

Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Vor allem (aber nicht nur) im digitalen Raum sind wir es gewohnt, das alles kostenlos daherkommt. Aber wir sehen nicht, dass dahinter viel Arbeit steckt, die engagierte Menschen freiwillig leisten. Das Mindeste, was wir dafür geben können, ist Wertschätzung – ein Danke oder Kann ich dich dabei unterstützen bewirkt schon Wunder.

Klar ist aber auch: das Schlichten von Konflikten darf nie darunter leiden, dass Admins viel andere Arbeit zu leisten haben. Wenn ich mir nicht zutraue, den Hintergrund des Konfliktes mit den betroffenen Menschen aufzuklären, dann bin ich für den Job nicht geeignet.

Werden Konflikte nämlich nicht transparent und nachhaltig geklärt, dann erodiert das Vertrauen der Mitglieder in die Gruppe. Und wenn sich Menschen aus Angst vor (eventuell willkürlichen) Konsequenzen nicht mehr trauen, am Gruppenleben zu beteiligen, dann braucht es keine Gruppe mehr.


Ein verspätetes Happy New Year, ihr Lieben 💕

Ich hab im letzen halben Jahr nur einen einzigen Post rausgehauen – Zeit für Heilung war notwendig. Dafür gibt’s ab jetzt mehr von mir zu lesen, sehen und hören:

  • einige Folgen monokultur Revisited sind schon im Kasten, ich veröffentliche ab jetzt jeden Sonntag eine Neue 🎙
  • ich habe noch ein paar fertig geschriebene Konzepte für Videos in der Schublade (und noch mehr Ideen!) 🎥
  • und hier schreiben werde ich auch öfter – einfach weil es mir gut tut 🖋

Bis bald und stay tuned 🎸

Ely

Ely hat Mental Anarchy 2020 gegründet und schreibt über Polyamorie, Beziehungen und psychische Gesundheit. Er ist pansexuell, Zen-Buddhist und lebt vegan.

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