Priorität

Es gibt nicht zu wenig Zeit, es gibt nur zu wenig Priorität.

Das habe ich lange geglaubt. Und es ist tatsächlich nicht falsch. Aber das macht es noch lange nicht richtig.

Angenommen, ich habe ein Hobby aber finde nicht “die Zeit” dafür. “Zeit” hat jeder Mensch gleich viel, nämlich 24 Stunden. Ich kann die Zeit nicht verändern. Ich kann nur verändern, wie ich sie einteile.

Ich kann beispielsweise andere Aufgaben sein lassen, um für dieses Hobby mehr Zeit einzuteilen. Oder ich tue es nicht, weil andere Aufgaben eine höhere Priorität haben: Arbeit, Kinder, Netflix schauen. Manchmal ist es auch nicht die Aufgabe an sich, die Priorität hat, sondern der Zweck dahinter, z.B. Arbeit → Geld verdienen → Lebensunterhalt sichern.

So weit ist das logisch und richtig. Das obige Zitat ließe sich nun aber folgendermaßen auf Beziehungen übertragen:

Wenn jemand sich nicht die Zeit nimmt, mir gleich zu antworten, dann bin ich keine Priorität.

Und das ist falsch.

Schlimmer noch: es bewahrheitet einen Glaubenssatz, nämlich:

Ich bin nicht wichtig.

Der logische Fehlschluss ist, dass nicht antworten (in diesem Fall heißt das Zeit für Ely nehmen) nicht bedeutet, dass meine Priorität niedrig ist. Es heißt nur, dass eine andere Priorität (im Moment) höher ist. Und es ist verdammt gut, dass manche Prioritäten anderer Menschen höher sind, als die, mit mir zu kommunizieren – z.B. Selbstfürsorge.

Ich freue mich natürlich auch, wenn Menschen sagen, sie haben wenig Zeit (wer hat eigentlich “viel” oder “genug” Zeit?) aber teilen sie trotzdem (auch) für mich ein. Einfach weil es sie glücklich macht, mit mir zu kommunizieren. Auch das ist dann wohl Selbstfürsorge.

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