Abwägungen

Nach 17 Tagen Quarantäne darf ich am Montag endlich wieder raus. Endlich.

Was das mit mir gemacht hat, spüre ich erst langsam.

Ich habe ein unglaubliches Bedürfnis, wieder Menschen zu treffen. Vor allem, dass ich das über zwei Wochen überhaupt nicht durfte, macht mir zu schaffen. Wir haben in unserer WG die Regel, dass wir nur eine Person innerhalb von 7 Tagen ohne Abstand treffen dürfen (es gibt 5 Freund*innen von uns, bei denen diese Regel nicht gilt). Ich habe bei der Entscheidung vor einigen Wochen keinen Widerstand angemeldet.

Nun hat sich aber die Situation verändert: die meisten Mitbewohnis haben Corona schon durchgemacht. Alle waren außerdem weniger lange in Quarantäne als ich. Ich merke, wie ich nach der langen Zeit Isolation zu jemandem werde, der ich nicht sein will: Missgünstig, traurig und verbittert. Vor allem fällt es mir schwer, alleine zu Hause zu sein, während alle anderen schon wieder raus dürfen.

Ich habe das angesprochen. Dass es mir schlecht geht. Dass ich mich nach Menschen sehne. Und dass ich nächste Woche vielleicht – nur eventuell – zwei Menschen ohne Abstand sehen möchte.

Natürlich hat das den anderen auch Angst gemacht: wenn ich mich anstecken sollte, müssen die anderen auch zwei Wochen in Quarantäne. Das will niemand hier und dass das Angst macht, kann ich nur zu gut verstehen.

Aber wie kann ich mein Bedürfnis und meine Gefühle äußern, ohne dass es in anderen Widerstand auslöst? Ohne, dass es anderen Angst macht? Oder dass sie das Gefühl haben, von mir beeinflusst zu werden?

Die einzige Antwort, die ich darauf finde, ist: gar nicht. Bedürfnisse äußern heißt, Widerstand auszulösen. Es heißt, mit Widerstand umgehen zu können. Und es heißt, die andere Person als Subjekt wahrnehmen zu können.

Ein Subjekt, das selbst entscheiden kann, wie es seine eigenen Bedürfnisse gegenüber meinen abwägt. Alles andere würde meinem*r Gegenüber nicht gerecht.

Ich kann nicht für jemand anderen entscheiden. Ich kann meine Bedürfnisse, Widerstände und meine Gefühle schonungslos offenbaren. Es ist nicht meine Aufgabe, diese gegenüber den Bedürfnissen der anderen Person abzuwägen. Das kann ich gar nicht. Das wäre falsch.

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