Inkonsequent

Natürlich kann ich nicht schlafen.

Irgendwo bin ich falsch abgebogen. So geht es mir seit gestern im Kopf herum. Mein Leben ist gerade so, wie ich er gerne hätte. Trotzdem bin ich (seit einigen Tagen wieder) nicht zufrieden.

Ich denke viel daran, was J letztens gesagt hat: “Warum regst du dich über unsere Mitbewohnis auf, wenn du selbst alles stehen und liegen lässt?”

Beides ist wahr. Heißt das, ich habe an andere höhere Ansprüche als an mich selbst? Nicht unbedingt.

Manchmal komm ich in die Küche und wie es dort aussieht, nervt mich. Manchmal, wie heute Abend, finde ich es aber auch charmant, dass hier ein Glas rumsteht und dort Tabak auf dem Küchentisch liegt. Es ist lebendig hier.

Ich weiß, dass Situationen wie die zweite nicht so selten sind. Warum erinnere ich mich eher daran, mich über Unordnung aufzuregen?

J ist konsequent. Sie nervt Unordnung die meiste Zeit und sie räumt ihren Kram auch immer weg. Auch sonst ist sie diejenige, deren Handlungen immer kongruent zu ihren Einstellungen sind.

Das bewundere ich. Das beneide ich. Das missgönne ich?

Jeder Mensch scheitert mal an seinen/ihren eigenen Ansprüchen. Wenn ich das Gefühl habe, das passiert bei J, dann schmunzle ich etwas. Doch nicht so perfekt. Doch nicht besser als ich.

“besser”?

In meinem Kopf sieht es eindimensional aus. Ich, der nie all seinen Ansprüchen gerecht wird, hier. J, die immer alles konsequent umsetzt, was sie sagt, dort drüben. Weiter vorn als ich.

Dass beide Thesen objektiv nicht zutreffen, spielt keine Rolle. J ist Vorbild und Neidobjekt. Aber nur in (m)einer eindimensionalen Welt.

Will ich überhaupt konsequent sein? Oder bewundere ich es nur, weil ich es so gelernt habe?

Konsequent sein heißt üblicherweise, folgerichtig zu eigenen Gedanken, Aussagen, Haltungen zu handeln. Warum heißt es nicht auch, folgerichtig zu den eigenen Gefühlen zu handeln? Meine Gefühle verändern sich, ist es dann nicht Konsequent, dass sich meine Handlungen verändern?

Vielleicht ist immer konsequent zu sein ein Anspruch, dem ich nicht genügen kann. Und vielleicht auch nicht will.

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