Empathie

J und ich haben in diesem Zuge auch noch über eine andere Situation gesprochen: ein befreundetes Pärchen (Mann/Frau – nennen wir sie Alice und Bob) kommt am Wochenende zu uns zu Besuch.

Wir hatten schon einmal im Ansatz einen Dreier, den haben wir aber abgebrochen und einfach gekuschelt und nebeneinander geschlafen, weil es Bob damit nicht so gut ging. Obwohl ich mir natürlich gewünscht hätte, dass es weiter geht, war das für mich kein Problem – ich habe mich sogar gefreut, dass Bob so klar seine Bedürfnisse äußern konnte!

Zwischenzeitlich wollten wir uns noch einmal treffen, gestern hatte allerdings Bob keine Zeit. Auf meine Frage, wie es sich für ihn anfühlen würde, wenn ich mich mit Alice allein treffen würde, meinte er “nicht so gut”, also haben wir darauf verzichtet, uns zu sehen. Auch das war für mich noch kein Problem.

Jetzt am Wochenende habe ich, ob ich es will oder nicht, Erwartungen. Ich würde mir natürlich wünschen, dass zwischen uns drei wieder was läuft und wir einen entspannten Abend voller Nähe und Sex haben. Und ich glaube, ich wäre enttäuscht, wenn es Bob damit nicht gut geht und wir den Ball flach halten (müssen).

Ich kommunizierte meine Erwartungen an J und auch, dass ich mir vorstelle, genervt zu sein, wenn es länger an Bob scheitert, Sex mit den beiden zu haben. J brachte einen Einwand, an den ich selbst nicht gedacht hatte (warum auch immer): “Sei doch mal empathisch!”

Als ich vor etwa einem halben Jahr in der Situation war, dass zwischen J und M mehr gelaufen ist, war ich in Bobs Position. Ich konnte auch meine Gefühle zum Ausdruck bringen – nicht so klar wie jetzt, aber immerhin so, dass J sehr oft auf mich Rücksicht genommen hat und z.B. bei mir anstatt bei M geschlafen hat. Und mich stört es nach zwei Mal treffen, dass Bob die gleichen Gefühle hat? Ernsthaft?

Damit musste ich erstmal klar kommen. Ich hatte mich bis dato überhaupt nicht für empathielos gehalten, aber in dieser Situation konnte ich offensichtlich nicht den Schritt von mir selbst zu Bob gehen. Ich kam mir vor, wie ein Idiot. Genauer: diese Idioten (absichtlich nicht gegendert), die selbst durch die Gegend vögeln, es ihren Partnerinnen aber vorhalten.

Ich weiß nicht, ob diese OPP mit toxischer Männlichkeit zu tun hat. Auf jeden Fall hat sie mit Männern zu tun – seit meiner Kindheit habe ich ein gestörtes Verhältnis zu ihnen. Ich kann nur schwer Kontakt aufbauen und fühle mich schnell übergangen.

Und sie hat damit zu tun, dass ich Teil dieser Situation bin (wie J richtig bemerkt hat). Ich kann Freund*innen, Mitbewohnis und anderen Menschen, die mir nahestehen, problemlos über Stunden zuhören und mich sehr gut in sie hineinversetzen. Aber sobald ich mich in jemanden hineinversetzen soll, der mir gegenüber ein Bedürfnis äußert, gelange ich an eine Grenze.

Die meiste Zeit meines Lebens war ich der “verständnisvolle Flo”. Egal, ob es um Veganismus, Beziehungen oder Verkehrsregeln ging – immer zeigt ich Verständnis für die Personen, die anderer Meinung waren als ich.

“Klar, du kannst noch nicht vegan sein, deine Zeit wird noch kommen”

“Natürlich ist es ok, wenn du merkst, dass du doch mono bist und mich deswegen abschießt.”

“Vielleicht fährt der ja über eine rote Ampel, weil er es eilig hat. Und ist ja nichts passiert!”

Mein Credo war “Ich kann es verstehen” (nur gegenüber Nazis noch nie).

Mit Jeany und der Therapie habe ich eine andere Seite von mir kennen gelernt – den “unverständnisvollen” Flo. Ich verstehe nicht, warum Menschen nicht vegan sind (und finde es scheiße). Ich verstehe nicht, warum manche Radfahrer*innen bei Rot über die Ampel fahren (und finde es scheiße). Und ich verstehe auch nicht, warum man nicht einfach Sex zu dritt haben kann und wo dabei das Problem ist.

Ernsthaft?

Doch. Das tue ich sehr gut. Ich war nämlich selbst dort.

Die Connection herzustellen, ist aber schwer für mich. Ich kann nicht ständig zwischen den Extremen hin- und herpendeln. Von “find ich scheiße” bis “kann ich verstehen” braucht es manchmal nur Minuten. Aber es gibt eine dritte Koordinate: Empathie.

Mit Empathie kann ich mich in andere hineinversetzen und mir dann ein Urteil darüber bilden. Das kann sein “find ich scheiße” oder “kann ich verstehen” oder eben gar kein Urteil, sondern Mitgefühl. Aber wie komme ich dort hin?

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